Rund um den Bodensee: Radeln am Wasser

Der Bodensee-Radweg zählt zu den beliebtesten Radwegen Europas. Kein Wunder. Wer einmal am Ufer steht und über die glitzernde Wasserfläche zu den Alpen schaut, erliegt unweigerlich dem Charme dieser bezaubernden Landschaft. Ein grün-blaues Meer breitet sich vor uns aus. Wellen kräuseln sich bedächtig im sanften Wind. Möwen kreisen am Himmel, Frösche quaken im Gras und Bienen fliegen summend von Blüte zu Blüte.

In den flachen Riedwiesen zwischen Eriskirch und Langenargen erblühen in jedem Mai abertausende Schwertlilien in leuchtenden Blau- und Gelbtönen. Es ist ungewöhnlich warm. Nach all dem Schnee, den mattgrauen Wolken und dem Schwermut der letzten Monate tut uns die Sonne richtig gut. Durchströmt uns von außen nach innen und weckt die Lebensgeister. Wir radeln auf dem Bodensee-Radweg durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Einmal rund um den Bodensee.

Ein Garten Eden am anderen Ende

Beim Blättern in unzähligen Bildbänden sind uns Fotos eines blauen Sees vor grünen Hügeln und weißen Bergen ins Auge gesprungen. Warme Farben, die spürbare Weite der Landschaft und eine beinahe südliche Heiterkeit haben uns sofort eingenommen. Da fällt die Entscheidung nach dem Ziel plötzlich ganz leicht.

Schwerer ist die Wahl, wohin genau es uns als Neulinge im Bodensee-Radeln ziehen soll. Einmal rundum? Warum nicht! Wir wollen ja möglichst viel See erleben.

Ab Konstanz lässt sich die drittgrößte Badewanne Mitteleuropas locker in einer Urlaubswoche erkunden. Die rund 270 Kilometer, eingeteilt in Tagesetappen zwischen 30 und 50 Kilometer, lassen genügend Zeit für Besichtigungen und natürlich auch für Badestopps. Gepflegte Strandbäder finden sich fast schon im Minutentakt, oftmals direkt am Radweg.

Als Gelegenheitsradler haben wir vor einer Woche Radeln schon etwas Respekt. Aber die Furcht vor dem Radfahren ist schnell wie weggeblasen. Kaum sitzen wir auf den knallroten Mieträdern, lassen wir diese auch schon übermütig rollen. Die Haare fliegen im Fahrtwind, während uns unser Gepäck wohl irgendwo auf dem Weg zur Insel Reichenau überholt und längst am Ziel sein wird, wenn wir noch gemütlich am Strand dösen. Eine Pappelallee leitet uns über einen schmalen Damm zur „Welterbe- und Gemüseinsel“. Gewächshäuser glänzen im Sonnenlicht. Salatkopfreihen bilden rot-grüne Sichtachsen zu uralten romanischen Kirchen, Segelboote schaukeln in einem Yachthafen glucksend auf dem Wasser, „Fischknusperle mit Inselgemüse“ regen unsere Geschmacksknospen an. Dann ist der Radweg plötzlich zu Ende. Sackgasse. Vor uns liegt nur noch der Bodensee.

Ganz unaufgeregt schwappen ein paar Wellen an die Kaimauer. Möwen streiten sich um die besten Poller im kleinen Hafen. Aus der Ferne ist das Horn eines Schiffes zu hören. Eine Minikreuzfahrt über den Untersee genannten Seeabschnitt bringt uns zur Halbinsel Höri. Künstlerhalbinsel nennt sich der stille Landstrich zwischen sanften, bewaldeten Hügeln und dem Wasser. Und tatsächlich. Hier ist das Licht besonders weich, die Zeit vergeht langsamer, die Menschen sind schweigsamer – oder spielen uns unsere Sinne einen Streich?

Der Reiseführer liest sich wie ein „Who is Who“ der Kunstszene. Dix hat hier gemalt. Ackermann und Heckel haben auch ihre Staffeleien aufgestellt. Über allen strahlt aber Hermann Hesse. Er war Anfang des letzten Jahrhunderts die treibende Kraft der Künstlerszene, die bis heute hier ihre Ateliers öffnet.

Grandezza im Ländle

Der Überlinger See ist herber, dramatischer als der Untersee. Steile Berghänge schnüren den Seearm wie einen Fjord ein. Zwischen Wald und Ufer bleibt nur ein schmaler Streifen für Eisenbahn, Straße und Radweg. Überlingens Promenade ist wie gemacht für einen Kaffee im Sonnen licht. Dasitzen, Milchschaum löffeln, den Schiffen beim An- und Ablegen zusehen. Mediterrane Leichtigkeit in alemannischer Mundart.

Hinter der entzückenden Altstadt öffnet sich die Landschaft wieder, macht Platz für die himmelstrebende, zartrosa Wallfahrtskirche zwischen akkurat gesetzten Rebstöcken. In Unteruhldingen lockt ein hübsches Strandbad. Schuhe aus und Füße ins Wasser – zumindest. Gleich nebenan stehen keltische Pfahlbauten am Seeufer. Schräg gegenüber ist die Blumeninsel Mainau im Gegenlicht erkennbar. Baden mit Kulturerlebnis – nichts Ungewöhnliches am Bodensee.

Der Seeblick wird jetzt immer weiter. Über der glitzernden Wasserfläche schweben verschneite Alpenberge am Horizont. Fähren kreuzen emsig den See. Bald baut sich Meersburg wie eine Theaterbühne auf. Neben der ältesten bewohnten Burg Deutschlands thronen die farbigen Fassaden des Neuen Schlosses, des Staatsweingutes und des ehemaligen Priesterseminars über unseren Köpfen. Straßencafés verleiten wieder zum Hinsetzen und Seeschauen. Kilometerfresser haben es am Bodensee echt schwer.

Weiß-blau und rot-weiß-rot

Nach der quirligen Zeppelinstadt Friedrichshafen ändert sich das Landschaftsbild erneut. Die Weinberge machen nun Platz für Hopfenfelder und Apfelplantagen rund um Eriskirch, Langenargen und Kressbronn. Das Trio Nonnenhorn, Wasserburg und Lindau bildet das bayerische Eck am Bodensee. Unverkennbar: Zwiebeltürme an barocken Kirchen, lauschige Biergärten, Haxen vom Grill und dampfende Weißwurstkessel.

Vom Hotelzimmer schauen wir auf das geschäftige Treiben im Lindauer Hafen. Gerahmt wird die allmählich ins Postkartenmotiv eintauchende Abendsonne vom Bayerischen Löwen, dem Leuchtturm und zwei Glas Bodenseewein. Farbwechsel, wenn auch nur bei den im Wind flatternden Flaggen. Wir radeln am Seeufer entlang nach Österreich. Die Festspielstadt Bregenz hat zwei ganz unterschiedliche Gesichter. Viel „Schmäh“ am Seeufer, hektische Betriebsamkeit in der modernen Unterstadt – rund um den glasverhüllten Kubus des Kunstmuseums, dessen Innenraum vom Licht des Bodensees erleuchtet wird – und fast bizarre Stille in den Gassen der beschaulichen Oberstadt.

Zwischen Bregenz und dem Schweizer Seestädtchen Rorschach jenseits des Alpenrheins breitet sich eine einzigartige Landschaft aus. Riesige Schilfflächen wiegen sich vom Föhn choreografiert auf brettebenen Riedwiesen. Der warme, trockene, mitunter berüchtigte Wind streicht durch das Alpenrheintal von den Bergen zum See. Ist er launisch, dann wird das Wasser so sehr aufgepeitscht, dass sich weiße Schaumkronen auf wilden Wellen bilden. Weht er nur sanft, dann ist er Garant für beständig schönes Wetter. Beschweren können wir uns wahrlich nicht. Unseren blassen Großstadtteint sind wir längst los.

Südlich des Bodensees wird in Schweizer Franken gezahlt. Beliebt sind vor allem die roten Taschenmesser – farblich passend zu unserem ebenso robusten Leihrad. Auch für Schokolade, Käse und Uhren wechseln Franken gerne den Besitzer. Rivella muss man auch mal probiert haben. Zweierlei Geld im Beutel zu haben, ist für Einheimische ganz normal. Die Region gehört zusammen – daran ändern auch Wechselkurse nicht viel.

Rollenlassen ist nun angesagt. Die gut ausgebauten Radwege verlaufen in meist unmittelbarer Ufernähe und durch auch weiterhin angenehm flaches Gelände. Ab und an bremst uns ein kleines Städtchen oder ein hübsches Fachwerkdorf. Bauern bieten Äpfel frisch vom Baum an. Manche auch gleich den Most, direkt aus dem Fass. Konstanz ist viel zu schnell wieder erreicht. Von weitem winkt uns erneut die vollbusige Imperia am Hafen zu.

Der Bodensee-Radweg kurz & bündig

  • Länge: ca. 270 Kilometer
  • Start- und Zielpunkt: Konstanz
  • Highlights: kulturelle Vielfalt, mildes, fast mediterranes Klima und die flachen Uferwege vor der grandiosen Kulisse der Alpen, bedeutende Klöster, wunderschöne Landkirchen sowie unzählige Schlösser und Prachtbauten
  • Beste Zeit: April bis Oktober
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